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Wir können nicht alle retten

Veröffentlicht am 26.10.2018

Lehrkräfte sind sehr unterschiedliche Wesen, doch die meisten vereint ein bestimmter Punkt. Eine bestimmte Eigenschaft verbindet sie alle und wenn man mit dieser nicht richtig umgehen kann, bedeutet sie der Untergang der eigenen Person. Es handelt sich um das Bedürfnis zu helfen.

Dieses Bedürfnis ist unterschiedlich stark ausgeprägt. Am anfälligsten sind die Lehrkräfte, die auf Teufel komm raus jemanden retten wollen. Doch leider können wir nicht alle retten. Das zeigt auch die folgende Geschichte:

Die Situation

Ich übernahm den Kurs einer Kollegin und war mit aufgeweckten Kindern und Jugendlichen konfrontiert. Erstmal nichts Neues. Wir fingen also mit der Stunde an und alles lief wie bisher. Plötzlich ging die Tür auf. Zwei Teenager und die Leitung standen da.

„Die zwei gehören auch noch in den Kurs.“

Sie waren beide zu spät, trugen Klamotten, die zu groß waren und einer trug eine Baseballkappe. Die beiden Brüder bewegten sich wie Rapper auf der Bühne und setzten sich dann hin. Die Spannung im Raum war zum Zerschneiden. Irgendwas ist gerade passiert, denn die Kleineren waren plötzlich sehr still und nervös.

Ich fragte: „Wer von euch ist Justin?“

Als Antwort kam ein dummer Spruch. Sowas liebe ich. Also musste ich anhand der Namensliste erraten wer wer ist und fifty-fifty Chancen sind nicht meine Stärken.

„Du bist Justin.“

Heute hatte ich allerdings Glück.

„Ja“ und ein unzufriedenes Grummeln.

Das Süßholzraspeln hat direkt begonnen mit der einzigen Jugendlichen im Raum. Sie ließ sich darauf ein. Also fing ich an die Aufgaben zu verteilen und wies immer wieder auf die Aufgaben zurück. Die Stille Arbeit und das quasseln wechselten sich jetzt ab. Die beiden Brüder hatten von Englisch keine Ahnung, gingen beide zur Hauptschule und waren mit den einfachsten Aufgaben überfordert. Einer zockte am liebsten Call of Duty online (ein Ego-Shooter) und der andere ging lieber mit Freunden raus Basketball spielen und redete über Drogen als würde er sie „coolerweise“ ständig konsumieren. Es ging nicht voran und sie verweigerten die Arbeit. Diese Stunde zog sich ins unermessliche und fand dann aber letztendlich ihr Ende.

Ich war geschafft.

Was ist hier passiert?

Ich habe diesen Fall noch Tage mit mir herumgetragen. Warum war die Stimmung so schlecht? Andererseits war das noch offensichtlich. Sie wirkten bedrohlich, waren sie aber auf den zweiten Blick nicht. Nach mehreren Gesprächen mit anderen Lehrkräften in dieser Woche und weiteren Überlegungen, hatte ich mir den perfekten Plan zurechtgelegt für die nächste Stunde, zu der sie nicht kamen.

Auch die Stunde danach kamen sie nicht mehr. Ich wollte wissen was los ist und erfuhr nur, dass die Mutter ihnen alles durchgehen lässt.

„Mom, ich will auf den Jahrmarkt!“
„Hier mein Kind, Geld, viel Spaß!“

„Mom, ich habe keine Lust auf Nachhilfe, das ist so anstrengend!“
„Klar, kein Problem. Bleib Zuhause und ruh dich aus!“

Kurz danach kam die Abmeldung. Die Jungs würden das nicht mehr wollen. Sie ist alleinerziehend. Sie bekommt sie nicht in den Griff. Justin hat nur einen Lungenflügel. Sein Bruder zockt nur den ganzen Tag. Keiner macht auch nur irgendetwas für die Schule usw.

Die arme Frau war völlig fertig mit den Nerven. Ich bekam diese Infos aus dritter Hand.

Diese Situation ist bedauerlich.

Wie hätte man ihnen helfen können?

Trotz ihrer unkooperativen Art hätte ich ihnen eine Chance gegeben. Justin sah ich mit seinem frechen Mundwerk im Verkauf. Jemand der keine Angst hat zu reden, hätte gute Chance dort. Letztlich war das auch sein Ziel: bei Footlocker arbeiten. Doch mit den Noten weiß ich nicht, ob das ausgereicht hat. Für seinen Bruder hatte ich noch keine Lösung, denn er hatte überhaupt keine Vorstellung von seiner Zukunft. Für immer zocken und niemals arbeiten.

Es ist bedauerlich, wenn man zwei junge Menschen sieht, die mit Ihrem Leben kaum etwas anzufangen wissen. Als die Regeln bei mir härter wurden und ich Ergebnisse verlangt habe, knickten sie direkt ein. Flucht vor der Herausforderung, statt sich der Sache einfach mal zu stellen.

Schade.

Auch heute denke ich noch oft, was ich hätte anders machen sollen, doch bei diesen beiden bekomme ich keine Chance mehr. Deshalb werde ich aus meinem Fehler lernen und es bei den nächsten besser machen. Wir können eben nicht alle retten.

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