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Der Untergang des Nachhilfeinstituts

Veröffentlicht am 19.10.2018

Ein Nachhilfeinstitut ist von verschiedenen Faktoren auf dem Markt abhängig. Doch einer ist der wichtigste. Die heutige Fallstudie beschäftigt sich mit dem Niedergang eines Instituts, dass nicht verstanden hat, wer bzw. was wirklich wichtig ist.

Die Situation

Als in Mannheim das beliebteste Nachhilfeinstitut (Nein, es war keine der großen Ketten Studienkreis oder Schülerhilfe) verkauft wurde, wurden alle ehemaligen Nachhilfelehrer von dem neuen Institut (Ja, diesmal ist es eine Kette) übernommen. Mit dieser Übernahme kamen auch diverse Änderungen. Während man anfangs noch versprochen hatte alle Lehrkräfte zu denselben Konditionen zu übernehmen, wurde dieses Versprechen direkt am ersten Abend gebrochen. Wir alle stiegen zu schlechteren Konditionen ein und da es für viele Studenten eine wichtige Einnahmequelle war, hatte niemand wirklich eine Wahl. Nach diesem Abend sind bereits die ersten Nachhilfelehrer ausgestiegen und haben sich einen anderen Nebenjob gesucht um ihr Studium zu finanzieren, bzw. ein Taschengeld zur Verfügung zu haben.
Mir geisterte damals schon derselbe Gedanke durch den Kopf, allerdings zahlen sich meine Rechnungen nicht von selbst. Also musste ich wie viele andere dieses schlechte Angebot annehmen, fürs Erste. Selbstverständlich habe ich mich zwischenzeitlich nach anderen Gelegenheiten umgesehen und gehofft, dass ich die Situation bald gelöst bekomme. Nach einer Weile war es dann soweit. Man hat mich noch kurz vor Schluss über den Tisch gezogen. Mein Honorar wurde von Standort zu Standort unterschiedlich berechnet. Ein großes Institut aber jeder Standort kocht sein eigenes Süppchen. Dann hat man einmal nicht aufgepasst und zack, verdient man schlechter. Das war ein ausschlaggebender Punkt, der mich dazu bewogen hat alles hinzuschmeißen. Ich mache diesen Job wirklich gerne, aber ich kann es auf den Tod nicht ausstehen, wenn ich betrogen werde. (Egal auf welcher legalen Grundlage ein moralischer Betrug gerechtfertigt wird)

Nach meiner Kündigung erfuhr ich, dass alle anderen Lehrkräfte des damaligen beliebten Nachhilfeinstituts genau dasselbe gemacht hatten. Wir hatten uns nicht abgesprochen, doch jeder hat denselben Zeitraum benötigt um endlich abspringen zu können.

Welche Folgen hatte das?

Das Nachhilfeinstitut konnte die Anzahl der Kinder nicht mehr bewältigen. Ich traf eine meiner ehemaligen Schülerinnen in der Straßenbahn und erfuhr, dass sie gekündigt hat wie viele andere Kinder und Jugendliche, da die vorhandenen Lehrkräfte schlecht, unmotiviert und kein wirkliches Interesse an den Schülern hatten. Es waren also nicht mehr genug gute Lehrkräfte da um qualitativ hochwertige Arbeit zu leisten. Eltern waren verärgert und es konnten nicht mehr genug Kurse angeboten werden. Später habe ich von anderen Lehrkräften noch erfahren, dass sie mehrfach gebeten wurden doch noch einmal auszuhelfen. Aber niemand ließ sich auf dieses zwielichtige Angebot ein. Die Behandlung war menschenunwürdig und man dachte, nur weil man ein unglaublich großes Institut ist und eine Kette, dass man den Markt beherrscht. Doch die Folgen, Lehrkräfteverlust und Kundenverlust, haben diese schwer mitgenommen.

Eine kleine Revolution von unten, die aber im Gesamtbild wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein war.

Was lernen wir aber aus dieser Situation?

Durch eine Lüge hat man sich direkt bei den Nachhilfekräften unbeliebt gemacht. Jeder hat für sich geplant weiterzuziehen und zufälligerweise ist jeder zum selben Zeitpunkt gegangen. Unzufriedene Mitarbeiter bzw. unzufriedene freie Mitarbeiter führen früher oder später zu einem Zusammenbruch des gesamten Systems.

Warum hat die Führung hier nichts unternommen?

Die Filialleitung an den jeweiligen Standorten waren unkooperativ und, das wurde mir von mehreren Seiten bestätigt, unfreundlich. Kurzum das Arbeiten hat einfach keinen Spaß mehr gemacht. Dieser Job wird vor allem bei Instituten gerade über Mindestlohn bezahlt, d.h. wenn hier keine innere Motivation der Lehrkräfte existiert, gibt es keinen Grund länger zu bleiben als unbedingt nötig.

Was hätte man besser machen können?

Erstens ein Versprechen sollte eingehalten werden. Als die Honorarbedingungen nicht übernommen wurden, war das ein klarer Schlag ins Gesicht und so nicht tragbar. Zweitens die Filialleitungen müssen besser geschult werden im Umgang sowohl mit Lehrkräften als auch mit Eltern, denn auch hier gab es immer wieder Beschwerden über die stümperhafte Arbeit und den Umgang mit den Schülern und Eltern. Drittens Honorare sollten nur einmal verhandelt werden und nicht an jedem Standort separat. Man schreibt sich doch nicht umsonst einen Firmennamen auf die Stirn. (Und nein es lag nicht an einem Franchisesystem)

Letztlich kann man Nachhilfe auch ehrenamtlich geben. D.h. Menschen sind bereit für weniger zu arbeiten aber dafür aus Überzeugung. Wenn ein Unternehmen es also nicht schafft seine Leute, seien es Angestellte oder projektbezogene freie Mitarbeiter, bei Laune zu halten, darf man sich nicht wundern, wenn langfristig Erfolge eingebüßt werden.

Warum halten sich solche Unternehmen dennoch?

Die Masse machts. Hier und da hat man eben doch Erfolg und stellt charismatische und positiv eingestellte Menschen ein, die den Laden unter Kontrolle halten. Doch diese gilt es auch weiter zu beschäftigen und bei Laune zu halten.

Wovon hängt der Erfolg eines Nachhilfeinstituts ab?

Ganz klar, die Nachhilfelehrer. Einen schlechten Filialleiter kann man kompensieren, aber ohne kompetente und empathische Nachhilfelehrer fällt der ganze Standort. Deshalb gilt eine Sache definitiv: Wer die kleinste Einheit im Unternehmen mit Füßen tritt, wird es langfristig bereuen und dafür bezahlen (das ist wörtlich gemeint). Denn wenn das Fundament bröckelt, stürzt früher oder später das ganze Gebäude in sich zusammen.

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